Wir drehen uns im Kreis

Das sagt sie:

Deutschland, 1997. In Zeiten höchster Arbeitslosigkeit will der damalige Bundespräsident Roman Herzog mit seiner berühmten Ruck-Rede die Gesellschaft wachrütteln, zum Umdenken auffordern. 17 Jahre später ist die Rede zur Legende geworden. Sie begründete die Tradition der „Berliner Grundsatzreden“, die bis ins Jahr 2011 bestand. Diese Legende, sie schaffte es in diesen schweren Zeiten im ausgehenden 20. Jahrhundert durch geschickt gesetzte Beispiele nebst plumpen Ausführungen jung wie alt, dumm wie schlau anzusprechen. Es geht in ihr natürlich nicht nur um Bildung, aber auch: man müsse weniger selbstgefällig sein, man stehle durch 13 Jahre Schule den jungen Menschen, an anderer Stelle als „Kapital“ bezeichnet, Lebenszeit, Wissen sei nachrangig, es gehe vielmehr um Kompetenzen, Flexibilität, lebenslanges Lernen; Wettbewerb und Spitzenleistungen sollten im Vordergrund stehen, Herzog ermutigte dazu. Im Jahr 2012 sagt Herzog selbst, dass auf die damals viel gelobte Rede – nach seiner eigenen Ansicht das Schlimmste, was hätte passieren können – gerade im Bildungsbereich tatsächlich eine Art „Ruck“ folgte.

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Wer ist eigentlich diese OECD?

Die OECD ging 1960/1961 aus der ehemaligen OEEC hervor und besteht heute aus 35 Mitgliedsländern. „Das Hauptziel der OECD ist es, den Mitgliedsländern ein Forum zur Bewältigung wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Herausforderungen zu bieten. Dabei strebt die OECD an, das Verständnis der Mitgliedsländer für neue Entwicklungen und Trends zu verbessern und Empfehlungen für die Politikgestaltung zu geben.“ Sie sieht sich dabei als Organisation zugunsten aller Menschen und der Weiterentwicklung von Mensch, Staat und Wirtschaft. Wer ist eigentlich diese OECD? weiterlesen

Mit Bildung auf Stimmenfang

Bildung ist über Jahrzehnte hinweg das Thema, das sich neben dem Thema der Arbeitslosigkeit wahltaktisch am besten nutzen lässt, schon allein, weil jeder durch den eigenen Schulbesuch bereits zum Experten geworden zu sein behauptet. Sie ist nicht mehr zentrale ernst gemeinte Herzensangelegenheit – denn dass Bildung essenziell ist für die Prägung und Veränderung einer Gesellschaft, weiß man seit langem-, sondern in Ländern anderweitig knapp bemessener Rohstoffe eben jenes wirtschaftlich verheißungsvolle Gut, für das sich bei Jung und Alt, Akademikern und Arbeitern Stimmen fangen lässt. Dabei stehen in den Grundsatz- und Wahlprogrammen der einzelnen Parteien wenig griffige Vorschläge. Die meisten wirken wie von Schwesterparteien abgeschrieben oder unreflektiert als diametrale Gegenposition zur Regierungskoalition festgehalten. Um dies zu kaschieren, fallen immer wieder Begriffe wie lebenslanges Lernen, Zentralabitur, international valide standardisierte Testverfahren etc., die auf den ersten Blick keine Fragen offen lassen, bei genauerem Betrachten aber nichts erklären. Diesen Begriffen kommt man mit den einfachsten leiernden Frageketten eines Dreijährigen auf die Schliche: Warum? Warum? Warum?

Lebenslanges Lernen ist dabei die Formel für Flexibilität und Bereitschaft zur Anpassung, vonnöten für variable Einsatzmöglichkeiten und Umstrukturierungen, bei denen man Widerspruch und kritischen Geist nicht gebrauchen kann. Man wird von Beginn an darauf eingestimmt, dass die Wirtschaft es ist, die über Wohl und Wehe entscheidet, dass man sich anpassen muss, ständig im Wettbewerb steht.
Und so geht es geht den roten, schwarzen, grünen und manchmal auch noch gelben Herren an ihren runden, von Steuermitteln bezahlten Tischen nicht etwa darum, Konzepte für gute Bildung zu entwickeln; es geht ihnen um ihre Stellung in der globalisierten Welt, die absurderweise an Kompetenzen gemessen wird, die nichts mit Intellekt, Persönlichkeit und Allgemeinbildung zu tun haben, es geht ihnen um das Wetteifern mit Drillstaaten wie China oder strukturell nicht zu vergleichenden einstigen Spitzenländern wie Finnland, es geht ihnen um größere Erfolge in PISA als in der letzten Legislaturperiode des gegnerischen Lagers. Leitfaden immer und überall ist nicht etwa intellektuelle, sondern wirtschaftliche Prosperität, die Frage nach ausreichendem Humankapital, nach human ressources.

Was daraus folgt…

Was will eigentlich Schule?

Historisch gesehen hat Schule, die Institution der Vermittlung der Bildung, vier Funktionen:
Zum einen hat die Schule eine qualifizierende Funktion, sie soll jene Qualifikationen und Wertvorstellungen vermitteln, die für ein erfolgreiches Berufsleben und eine gesellschaftliche Teilhabe vonnöten sind; zum anderen erfüllt sie eine Selektionsfunktion, die dafür sorgt, dass die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Berufe und Positionen verteilt werden; und schließlich hat Schule eine Legitimationsfunktion, indem sie durch die Reproduktion von Werten, Normen und Interpretationsmustern Herrschaftsverhältnisse stabilisiert (Hornberg, 2010). Diese Funktionen können nach Klafki (2002) um die Funktion der Kulturüberlieferung ergänzt werden. Hornberg (2010) ergänzt zudem, Anderson (1988) folgend, um die Funktion des „nation building“, die die Ausbildung einer nationalen Identität fördert. Die klassischen Funktionen des Schulsystems sind also allesamt nationalstaatsbezogen und stellen die eigene nationale Identität und den eigenen Staat in allen Bereichen deutlich in den Mittelpunkt (Seitz, 2001). Zweifelsohne ist z.B. die Funktion des „nation building“ in Zeiten der Globalisierung weit weniger wichtig als in vergangenen Zeiten. Nichtsdestotrotz sind diese Funktionen nach wie vor aktuell, allein die Inhalte müssen überdacht und neu interpretiert werden.
Was meint Qualifikation? Was sind die Werte, Normen und Interpretationsmuster, deren Reproduktion die Schule zu ihren Aufgaben macht? Welche Kultur wollen wir überliefern?
R.D. Precht schreibt Schule die grundsätzliche Funktion zu, „Kinder auf ein erfülltes Sozial- und Berufsleben in einer zukünftigen Gesellschaft vorzubereiten, sie zur aktiven Lebensgestaltung zu befähigen und zu ermutigen“ (Precht, 2013, S. 18f.), sie auf den souveränen Umgang mit ihrer Freiheit in der Gesellschaft und somit auf die Teilhabe an der bürgerlichen Öffentlichkeit vorzubereiten (Precht, 2013). Aber was meint das genau? Die „zukünftige Gesellschaft“ meint ohne Zweifel die einer globalisierten, ökonomisierten Welt, in der mannigfaltige Wege der Lebensgestaltung offen stehen. Fernab des Problems, dass diese Möglichkeiten heute und vermutlich auch in näherer Zukunft nicht allen Erdenbürgern offen stehen (werden), stellt sich die Frage nach dem Handwerkszeug, das die Schüler von heute brauchen, um in dieser Welt zu bestehen und fähig zu sein, in der Welt der unbegrenzten Möglichkeiten ihr Leben zu meistern. An dieser Stelle muss geklärt werden, welche Werte und Normen wir haben und weiterreichen wollen, mithin: wie soll Leben heute aussehen? Wie stellen wir uns den Menschen vor, der die Welt in den nächsten Jahrzehnten mitgestaltet?

„Wir sollen schnell unser Abi machen. Und noch schneller studieren“, sagt der Schüler Paul Triller, 18, in ein grünes Megafon und geht die Stufen der Bayerischen Staatsoper in München hoch. Ein paar Passanten drehen sich um, gehen aber schnell weiter. Paul setzt noch einmal an: „Wir sind Rohmaterial für eine funktionierende Wirtschaft. Aber wir haben keine Zeit mehr, herauszufinden, wer wir sind, oder was wir können. Wir sollen die Klappe halten und funktionieren.“

Zum Bildungsbegriff

Der Ursprung des Bildungsbegriffes findet sich im 18./19. Jahrhundert. Hier entstand die Idee der humanistischen Bildung. Es handelt sich hierbei um ein an die Gedanken des Humanismus anknüpfendes und im Rahmen des Neuhumanismus durch W. von Humboldt entwickeltes Bildungskonzept, das die »Menschwerdung des Menschen« durch umfassende Persönlichkeitsbildung und damit das Ideal des an der Gesamtheit der Bildung teilhabenden Menschen zum Ziel hat. Nach Humboldt ist Bildung die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen. Bildung wird dabei als ein aktiver Prozess gedacht, in dem das sich bildende Individuum Subjekt und nicht Objekt des Geschehens ist. Bildung in diesem Sinne meint die Entwicklung der Person in einem umfassenden Sinne. Alle Kräfte des Menschen sollen, in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander gebildet werden. Die Bestimmung des Menschen sei „die höchste und proportionierliche Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“.

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In den Fängen der Effizienzmaschine

Sie sehen entschlossen aus. Sie sehen unverschämt entschlossen aus, mit Augen so klar und fixiert, mit Gesten so gradlinig und pointiert, kein Satz, kein Wort, keine Silbe ist zuviel, nichts zwischen ihnen ist Ballast, nichts hier ist nicht prägnant oder nicht wesentlich. Die Einreiher der Herren und die spitzen Hosenanzügen der Damen sitzen wie auf die Haut gemalt. Die hier Versammelten haben die schönsten, die abenteuerlichsten Zeiten bereits seit Jahren hinter sich, und das wissen sie. Jetzt, nach all den wundervollen Jahren, sitzen sie hier an den Konferenztischen in teuren Hotels oder stehen wie eingefroren mit sündhaft teuren Getränken in unbezahlbaren Cognac-Gläsern vor Landschaftspanoramen, die wie gemacht sind für Business-Werbeshootings. Und konversieren, konferieren. Über die Zukunft dieses Landes. Über die Ideen, die vonnöten sind, um dieses Land neu zu gestalten, zu remodellieren. Sie betrachten sich als Vordenker, Durchdenker, Think-Tank-Community, als deren Elite, als geistige Sperspitze einer Nation, die verlustig zu gehen droht an die Mittelmäßigkeit. Sie sind der rechte Arm des Gottes Hermes – und wie eben jener dem Handel aber auch dem Diebstahl in Personalunion verschrieben.

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Leistungsdruck, der Leiden schafft und Widerworte tötet

Während früher der Besuch eines Gymnasiums eine Auszeichnung war, erscheint er heute als Horrorvision: 82% der Gymnasiasten kennen das Gefühl der Schulangst, ein Viertel von ihnen hat dauerhaft Nachhilfe, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Einerseits wird sich über den Mangel an Freizeit bei den Schülern von heute beklagt – und die Schuld dafür G8 in die Schuhe geschoben -, andererseits kämpfen sich Schüler, die vor 20 Jahren auch als Nicht-Migranten noch kein Gymnasium besucht hätten, durch 12 oder 13 Schuljahre und opfern ihre Freizeit freiwillig dem vermeintlichen Erfolg, dem gesellschaftlich geforderten Abitur, ohne das man heute angeblich und leider auch allzu oft faktisch nichts mehr werden kann. Hinter ihnen thronen Eltern, die für ihre Kinder nur das beste wollen – und dabei alle Register ziehen. Sie wünschen sich, dass ihr Kind es besser haben werde, sie wünschen ihm eine steilere Karriere als die eigene und sie sind oft nicht bereit, die Wünsche, aber auch die Fähigkeiten und Kapazitäten ihrer Kinder realistische einzuschätzen und zu berücksichtigen (BMFSFJ 2006; Hurrelmann 2006).

 

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